Wer sich nicht traut, tagsüber im Büro stets im Internet zu surfen, kann sich dieses Vergnügen auch in seiner/Ihrer Freizeit antun. Lesen Sie dazu einen Online-Artikel aus der Studentenzeitschrift UNICUM (in T-Online unter *UNICUM# in der Novemberausgabe 95):
Online-Surfen in der Stammkneipe - Die ersten deutschen Internet-Cafes
sind da
Zum "Komasaufen" hat sich bisher noch selten einer in Hajo Wieses
Kneipe verirrt. Seit 17 Jahren lockt der Ex-Lehrer, Ex-Museumsleiter und
Computerfreak Menschen auf der Suche nach intelligenter und kommunikativer
Abendgestaltung in seine "Dorfschenke", ein 250 Jahre altes Gemäuer
mit Mini-Kinosaal. Jetzt gelang dem 55jährigen Tausendsassa ein Coup, der
die Kneipe in Duisburg-Friemersheim nicht nur im westlichen Ruhrgebiet, sondern
im gesamten Online-Universum bekannt machte: Wiese richtete Anfang August
Deutschlands erstes dauerhaftes Cyber-Cafe ein.
Vorwiegend Studierende drängen sich für fünf Mark die Stunde
an den drei Terminals mit Internetanschluß namens "Paprika", "Tomate"
und "Zitrone". Web-Surfer ordern ihre Zeit im Netz mit dem Bier am
Tresen und bekommen eine simple Eieruhr im Design des gleichnamigen Computers
in die Hand gedruckt. "Es soll hier vor allem lustig zugehen", sagt
Wiese. Vorwürfe, einsames Websurfen und bierselige Geselligkeit vertrügen
sich nicht, findet der Wirt absurd. "Wenn schallendes Gelächter durch
die Kneipe hallt, dann kommt es garantiert aus der Computerecke. Das ist ein
richtig kommunikativer Vorgang." Wiese sieht Internet-Cafes sogar als
logische Fortsetzung der alten Cafehaustradition im elektronischen Zeitalter.
Treffender wäre zur Zeit allerdings das Bild des Herrenclubs: Nur wenige
Studentinnen interessieren sich bislang für gemeinsame Abenteuer im Netz.
Auch für die Kölner Studenten Ralf Freitag und Ralf Hebermehl
bedeuten die gemeinsamen Entdeckungsfahrten in die Datenwelt alles andere als
Eigenbrötlertum. Der Jurist und der BWLer, die bisher keinen Anschluß
an den Kölner Hochschulrechner bekommen haben, nutzen gemeinsam ein
Terminal im Kölner Internet-Cafe. Beim Cappucino rufen sie
Grundsatzurteile des BGH ab oder surfen im Netz. "Das ist aber nur
interessant, weil's hier noch so leer ist und man ohne Wartezeit ans Terminal
kann", meint Ralf Freitag.
Die Kommerziellen kommen
Tatsächlich herrscht meistens gähnende Leere im zwei Monate alten
Kölner Internet-Cafe ("JamCafe"), von außen nicht gleich
als Cyber-Treff erkennbaren Raum. Das Cafe gehört einem Jeans-Hersteller,
der seit einiger Zeit unter dem Slogan "Jeans and music" (Jam) auch
CDs und Konzertkarten verkauft. Jetzt soll der Marketing-Test in Köln
zeigen, ob mit dem Online-Trend die richtigen Käuferschichten an die
hauseigenen Markenprodukte zu binden sind. Mit Hilfe einer kryptischen Home
Page im World Wide Web gewann das JamCafe bisher 40 Mitglieder, laut Betreiber
Werner Moeller vor allem Studenten. Die lockt wohl weniger der spartanische
Flair des Konsumtempels als die niedrigen Zugangsgebühren für die
Rechner (19 Mark im Monat, ansonsten keine weiteren Kosten) und die mangelnden
Alternativen an öffentlichen Netzzugängen. Deutschland, ein
Entwicklungsland in in Sachen Cyber-Kultur? In den USA gibt es bereits über
70 elektronische Cafehäuser. Einige davon, wie das New Yorker "@cafe"
(http://www.fly.net/) oder die "ICON Byte Bar and Grill"
in San Francisco (http://www.matisse.net/files/bytebar.m), sind
legendär, viele andere gelten ebenfalls als vitale Treffpunkte der
Online-Szene. Hier befruchten sich die Phantasien von Programmierern und
Computerkünstlern, Studierenden und Medienmachern, Geschäftsleuten,
Freaks und Spinnern. Auch in England gibt es rund 20 virtuelle Pubs, und sogar
in Italien und Belgien sind schon je ein Dutzend Internet-Cafes aus dem Boden
geschossen. Hierzulande überlassen Cyber-Pioniere das Feld den
Marketing-Strategen, die Online-Surfen als neuen Trand entdeckt haben.
Kultkneipenwirt Wiese wundert sich, warum in deutschen Uni-Städten nicht längst
mehr alternative Cafes und Szenelokale am Netz hängen: "Studentenkneipen
müßten doch ein Interesse daran haben, eine intelligente, kreative
Klientel an sich zu binden. Reich werden kann man als Kneipenbesitzer mit dem
Online-Trend allerdings nicht, wenn man das Surfen zu Liebhaberpreisen anbietet.
Wiese erwirtschaftet bei Investitionen von gut 20.000 Mark "so um die 500
Mark im Monat". Ihn stört's nicht: Der Cyberwirt aus Leidenschaft
bastelt gerade an der neuen "Dorfschenke"-Homepage mit den gesammelten
Klosprüchen aus 17 Jahren.
Studierende als Cafe-Betreiber
Viel Zeit und Energie stecken die studentischen Cyber-Cafe-Pioniere an der
Hochschule fur Architektur
und Bauwesen in Weimar in ihr Projekt ".bar"
(sprich: dotbar). Bei den Thüringern scheint allerdings eher die Freude am
Programmieren und Theoretisieren als der Cafe-Charakter im Vordergrund zu
stehen. Das Projektziel laut Homepage: "Die .bar soll Versuchsobjekt für
den Typ der Bar oder des Cafes mit medialer Verknüpfung an
unterschiedliche Netze sein. Das heißt in diesem Fall vor allem Reduktion
auf typische Probleme, die bei einem solchen Konzept auftreten können, mit
ihrer entsprechenden Varianz der Erscheinungsformen." Aha.
Einige Internet-Cafes gibt oder gab es nur als befristete Projekte.
Studierende der Uni Saarbrücken richteten anläßlich des 6. Saar
Lor Lux Film- und Videofestivals in den Räumen des Cafe Kostbar eine Woche
lang ein Cyber-Cafe ein. Die Studis führten computeranimierte Sequenzen
aus den Filmen am Bildschirm vor und machten das Geschehen mitsamt Kritiken und
Kommentaren weltweit verfügbar. Die Homepage des Cafes steht noch immer
und wird fleißig abgerufen: http://www.phil.uni-sb.de/projekte/icafe/icafe.html
.
Ulrike Langer
Hier liefert *UNICUM# in der Novemberausgabe 95 nochmal die Adressen:
INTERNET-CAFES IN DEUTSCHLAND
Duisburg: Dorfschenke, Am Damm 10, Duisburg - Friemersheim, Tel:
02065/47270. WWW-Adresse: http://www.dorfschenke.de; e-mail:
dorfschenke@du.gtn.com
Köln: JamStore, Breite Straße, Tel. 0221/973019-33.
WWW-Adresse: http://www.k.magicvillage.de/jamstore_d.html;
e-mail: werner@jamserver.k.magicvillage
Weimar: .bar in der Limona, Steubenstraße, WWW-Adresse:http://www.hab-weimar.de/dotbar/
Hamburg: Elcafe im DOCKS, Reeperbahn, Tel: 040/3908161. WWW-Adresse:
http://www.elcafe.com/
Seit Ostern `95 kann man
in diesem elektronischen Cafe an jedem Wochenende alle wesentlichen Internet-
Dienste nutzen. Betreiber ist der Verein zur Förderung der elektronischen
Kommunikation. Wesentliches Feature ist die elektronische Partnervermittlung
der "Elcafe-Flirtline".
München: Internet- Cafe,
Nymphenburger Str. 145, Tel: 089/129 47 44. WWW-Adresse: http://www.icafe.spacenet.de
. Brandneu seit 19.September 95. Erster Eindruck nach Laden der
Home-Seiten: Schicki-Micki-Kneipe.
Wer mehr über Internet-Cafes im
In- und Ausland wissen will, sollte sich Mark Dziecielewskis umfassende und ständig
aktualisierte Liste im WWW anschauen: http://www.easynet/.co.uk/pages/cafe/ccafe.htm
.
Interessant und skurril: Ye Olde Internet Cafe & Coffee
Resource Page von Javalink: http://www.temple.edu/~ghinkle/java/html
(Alle Adress-Angaben ohne Gewähr).